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1. Rugby als gewaltpräventive Sportart
Die sich seit dem Ende der achtziger Jahre häufenden Gewaltereignisse und Eskalationen, wie die Brandanschläge auf Aussiedler und Ausländer, brutale, sinnlos erscheinende Tötungsdelikte sowie zunehmendes Gewaltklima an Schulen, lösten in der Gesellschaft Erschrecken und Hilflosigkeit zugleich aus.
Der Einsatz körperlicher Gewalt trat und tritt vermehrt und immer unmittelbarer sowie auch selbstverständlicher in den Vordergrund.
Die derzeit geführte Gewaltdiskussion, die sich mit Ursachen und präventiven Maßnahmen beschäftigt, deckt nicht nur zeitgemäße Problemlagen junger Menschen auf, sondern zeigt gleichermaßen Defizite in unserer Gesellschaftsstruktur auf, die miteinander in enger Verbindung stehen.
Dominierende Lebensbedingungen im Alltag und in der Freizeit prägen die Situation der Jugendlichen. Durch die fehlende Orientierung fällt es ihnen schwer, ihre Identität und Individualität sozialintegrativ zu entwickeln.
An dieser Stelle rückt der Sport immer häufiger in den Vordergrund gewaltpräventiver Arbeit. Seine pädagogischen und sozialen Werte leisten einen wichtigen Beitrag zur Fairnesserziehung und Gewaltprävention.
Basierend auf drei Themenbereichen, „Sport, Gewalt und Prävention“ soll der Zusammenhang zwischen Gewaltausschreitungen, dessen Ursachen und entgegenwirkenden Maßnahmen dargestellt werden. Anschließend wird auf die Frage eingegangen, inwieweit der Sport für die gewaltpräventive Arbeit insbesondere die Sportart RUGBY geeignet ist.
Im Hinblick auf den Einsatz des Sports als Mittel zur Gewaltprävention ist es unvermeidbar, sich mit dem Thema „Sport und Gewalt“ auseinander zusetzen, da dieser auch ein breites Spektrum an Aggressionen und Gewaltverhalten beinhaltet. Das Medium Sport sollte diesbezüglich gerade in der Jugendarbeit genauestens von zwei Seiten betrachtet werden.
1.1. Folgende Ziele der bewegungsorientierten Gewaltprävention sind zu nennen
- Soziales Verhalten durch Sport
- Toleranz statt Gewalt im Sport
- Fairness im Sport – Fairness im Alltag – Möglichkeiten des Transfers
- Kameradschaft und Zusammenhalt durch Sport
- Dauerhafte Beziehungen durch Sport
- Sport als Medium gegen den Egoismus und Rassismus im Sport
- Friedenserziehung im Sport
- Sport als sinnvolle Freizeitgestaltung
- Identitätsbildung durch Sport
- Gesundes Aktivitäts- und Leistungsverhalten durch Sport
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die beschriebenen Gewaltsymptome in der Gesellschaft sich auch als ge- und erlebte AGGRESSION in der SCHULE darstellen. Der SPORT in der Schule somit ein Mittel sein kann um „problematische SCHÜLER“ durch:
- Vermittlung von ERFOLGEN,
- SELBSTBESTÄTIGUNGEN,
- ANERKENNUNG, und dem Erleben von positiven
- GRUPPENERLEBNISSEN anzusprechen.
RUGBY kann die beschriebenen negativen Seiten der Gewalt kompensatorisch auffangen und durch qualifizierten Trainer und Übungsleiter in gesellschaftlich akzeptierte Handlungsformen abpuffern bzw. kanalisieren.
Denn wer sich auf dem Sportplatz „ausgetobt“, Anerkennung und Selbstbestätigung gefunden hat, der neigt viel weniger zur GEWALT und AGGRESSIVITÄT.
2. Rugby - was für ein Spiel ist das überhaupt?
Rugby gehört zu den ältesten noch ausgeübten Ballspielen der Welt. In seinen wettkampforientierten Formen ist Rugby ein körperbetontes Mannschaftssportspiel, das jedoch strengen Reglementierungen unterworfen ist.
Der Körperkontakt im Rugby ist allerdings nicht grundlegend. So gibt es viele Formen des Rugbys, in denen ganz bzw. bedingt auf den Körperkontakt verzichtet wird. Die verschiedenen Spielformen des Rugbys unterscheiden sich neben Spielfeldgröße und Anzahl von Spielern insbesondere dadurch, dass das Kicken des Balles sowie der körperliche Einsatz entweder erlaubt, eingeschränkt oder verboten sind. Trotz ihrer teilweise differierenden Regelwerke basieren die verschiedenen Spielformen auf einer gemeinsamen Spielidee.
Spielidee des Rugbys:
Zwei Mannschaften versuchen, einen (ovalen) Ball durch Tragen und Zuspielen in das jeweils gegnerische „Malfeld“ (Bereich am Kopfende des Spielfeldes) zu bringen und dort abzulegen bzw. einen entsprechenden gegnerischen Versuch zu unterbinden. Das Abspiel des Balles darf hierbei jedoch nur zur Seite oder nach hinten erfolgen. Jeder „Versuch“ (Erfolg) wird mit Punkten bewertet. Die Mannschaft, die innerhalb einer bestimmten Zeit die höchste Punktzahl erreicht, hat das Spiel gewonnen. Durch das Kicken des Balles über das Goal können zusätzliche Punkte erzielt werden.
3. Pädagogische Vorzüge des Rugbyspiels
Im Rugby-Sport liegen eine Vielzahl von pädagogischen Vorzügen bzw. Möglichkeiten, die im nachfolgenden kurz aufgeführt sind.
3.1 Allgemeine pädagogische Vorzüge
- Die Grundtechniken im Rugby (Laufen, Werfen, Passen, Fangen) sind sehr einfach gehalten und somit für die Schüler schnell erlernbar. Schrittregeln sowie motorisch schwierige Techniken wie z.B. das Dribbeln entfallen. Dadurch wird von Beginn an ein sofortiges Spielen ermöglicht.
- Der ovale Ball hat bei vielen Schülern einen hohen Aufforderungscharakter.
- Das Zusammenspiel ist fest in der Spielidee verankert. Die Rückpassregel macht es – mehr als in den meisten anderen Mannschaftssportspielen – notwendig, innerhalb der Mannschaften zu kooperieren.
In allen Spielformen (siehe Spielidee) können durch das Ablegen des Balles im gegnerischen Malfeld Punkte erzielt werden. Da ein einzelner langer Pass nach vorne im Rugby nicht erlaubt ist, ist es erforderlich, durch häufiges geschicktes Passen das gegnerische Team auszuspielen und den Ball nach vorne zu tragen. Gute einzelne Leistungen können nur zum Erfolg führen, wenn entsprechende Angriffs- bzw. Abwehraktionen von allen Spielern eines Teams gemeinsam unterstützt werden.
Das Rugby-Spiel kann im Schulsport somit im besonderen Maße als Methode eingesetzt werden, um das kooperative Verhalten der Schüler zu verbessern bzw. zu schulen.
- Durch das erlaubte Hand- und Fußspiel werden vielfältige motorische Fähigkeiten von den Schülern gefordert und somit auch gefördert.
Anzumerken ist jedoch, dass bei der Einführung des Rugbys zunächst auf das Fußspiel verzichtet wird. Aufgrund der ovalen Ballform würden hier die Schüler – gerade zu Beginn – schnell überfordert werden.
- Allgemein betrachtet ist das sportliche Leistungsvermögen von Schülern innerhalb einer Klasse meist stark differierend. Diese Leistungsunterschiede werden durch die unterschiedlichen Vorerfahrungen[1], welche die Schüler mit den entsprechenden Sportarten haben (z.B. Fußball, Handball, Basketball), verstärkt. Da Rugby in Deutschland noch sehr unbekannt ist, gibt es in der Regel unter den Schülern kaum jemanden, der vielfältige Vorerfahrungen mit dem Rugby-Sport aufweisen kann. Diese Tatsache erleichtert zum einen die Einführung in das Rugby für den Lehrer und zum anderen gibt sie allen Schüler – abgesehen von ihrer individuellen Sportlichkeit – gleichermaßen die Chance, eine Sportart von der „Pike“ (Beginn) an zu erlernen.
- Das Rugby-Spiel bietet für jeden Spielertypen eine, seinen Stärken und Schwächen entsprechende „ideale“ Spielposition. So haben z.B. dicke und kräftige Spielertypen vor
allem Vorteile in der direkten körperlichen Auseinandersetzung (z.B. im Sturm und im Gedränge), während die Vorzüge kleiner flinker Spieler zumeist in den 1 zu 1 Laufsituationen (z.B. in der ¾ Reihe) liegen. Ebenso finden sich für technisch versierte Spielertypen, für Spieler mit einer guten Spielübersicht sowie für besonders sichere Fänger eine ihren Stärken entsprechende Spielposition, die sie ganz fordert.
- Gerade in der Variabilität des Rugby-Spiels (Handspiel, Fußspiel, Körperkontakt etc.) steckt eine Vielzahl an pädagogische Möglichkeiten.
Es empfiehlt sich – je nach dem Leistungsvermögen der Schüler in einer Klasse – den Schwierigkeitsgrad schrittweise, von einfachen Grundtechniken (Laufen, Werfen, Passen, Fangen) hin zu komplexeren Techniken und Spielformen (Gedränge, Fußspiel, Tackeln, Gasse etc.), zu steigern. So kann gezielt auf das individuelle Leistungsvermögen der Klassen eingegangen werden.
3.2 Spezielle pädagogische Vorzüge der wettkampforientierten Formen (mit Körperkontakt)
Gerade durch das vermehrte Auftreten von Gewaltbereitschaft bei Jugendlichen werden die Forderungen nach Präventionsmaßnahmen zur Eindämmung und zum Abbau von Aggressionen immer stärker. Eine bedeutende Rolle können hierbei die verschiedenen wettkampforientierten Formen des Rugbys einnehmen, in denen der Körperkontakt erlaubt ist. Hier können gezielt überschüssige Energien und Kräfte kanalisiert und in sinnvolle sportliche Betätigung umgesetzt werden.
Ausnahmen bilden der koedukative Sportunterricht aber auch die Einführung des Rugbys. Hier empfiehlt es sich, den Körperkontakt stark einzuschränken bzw. ganz darauf zu verzichten.
4. Plädoyer für den Rugby-Sport
Rugby ist ein Mannschaftssportspiel, das mit vielen Vorurteilen behaftet ist und daher im Sportunterricht an deutschen Schulen oft verkannt wird.
Unter dem Großteil der Bevölkerung überwiegt die Vorstellung, Rugby sei ein chaotisches brutales Kampfsportspiel ohne festes Regelwerk. Diese in Deutschland vorherrschende negative Meinung über den Rugby-Sport ist unter anderem auf den geringen Bekanntheitsgrad zurückzuführen.
Der Rugby-Sport findet hierzulande bisher wenig öffentliche Beachtung. In den Staaten des Commonwealth nimmt Rugby jedoch seit Jahren in den Schulen, den Vereinen sowie in den Medien eine Schlüsselrolle ein. So wird unter anderem in den Schulen Englands, Irlands, Australiens, Neuseelands aber auch Frankreichs und Italiens Rugby – entgegen der von vielen Pädagogen in Deutschland gehegten Auffassung – auch im koedukativen Sportunterricht sinnvoll eingesetzt bzw. unterrichtet.
Der ausgeprägte Teamgeist im Rugby: Die Mannschaften bereiten sich auf die zweite
Halbzeit vor.
Es ist weiterhin ein Phänomen, dass es bei RUGBY-Großveranstaltungen in keinem der aufgeführten Ländern vor, während oder nach den Spielen Krawalle bzw. „hooligan“- ähnliche Ausschreitungen gibt oder gegeben hat.
Die Fans und Besucher gehen miteinander und gewaltfrei ohne besonderes Polizeiaufgebot oder Schutz zum Stadion, um die positiven Aktionen beider Mannschaften (auch jene des Gegners) während des Spieles friedlich zu würdigen. Ferner werden die Entscheidungen des Schiedsrichters und die seiner Assistenten von den Spielern und Zuschauern akzeptiert und nicht zum Anlass wütender und empörter Proteste genommen. Diese Fakten sind bisher in keiner Untersuchung zur Gewaltdiskussion im Sport erwähnt bzw. wahrgenommen worden.
Warum gibt es ein geringes Verletzungsrisiko?
Ganz einfach: Jeder Spieler lernt im Training, wie er sich in den einzelnen Spielsituationen verhalten soll, und wenn er regelmäßig trainiert, dann befindet er sich auch in einem körperlich fitten Zustand, so dass ihm normalerweise nichts passiert. Weder Stoßen, Rempeln, Checken, Herumschleudern des Gegners, das Greifen von Kleidungsstücken, Beinstellen noch Hochhalten (Festhalten an Hals oder Kopf) sind erlaubt. Aber entscheiden ist, dass es im Rugbysport keine schlagenden Bewegungen wie z.B. beim Fuß- oder Handball gibt. Die natürliche Bewegung, um eine Gegner zu stoppen ist eine Klammerbewegung, die wenig Verletzungsrisiko in sich birgt.
5. Förderungsprogramm des DRV (Deutscher Rugby-Verband)
Im International Rugby Board (Weltdachverband des Rugbysports) laufen zahlreiche Programme, die sich verstärkt der weltweiten Verbreitung dieser Sportart zuwenden. Im Rahmen dieser Förderung steht das Angebot des Deutschen Rugby-Verbandes, Rugby flächendeckend an Sportlehreraus- und -fortbildungsseminaren anzubieten, sowie Kurse für Sportstudenten als Lehr- oder Wahlpflichtfach an Universitäten durchzuführen.
Der DRV stellt für Schulen im ganzen Bundesgebiet – unabhängig von Schulstufen und –formen – fachkompetente Trainer und Sportlehrer kostenfrei zur Verfügung. Außerdem können Schulen das kostenpflichtige „Starterpaket“ bestellen (www.rugby.de, DRV-Shop).
Bei näheren Fragen zum Förderungsprogramm des DRV oder zum Rugby-Sport besteht die Möglichkeit, sich direkt an den Deutschen Rugby Verband oder an die zuständigen Landesverbände zu wenden.
[1] Die unterschiedlichen Vorerfahrungen sind hier vor allem auf die verschiedenen sportlichen Aktivitäten der einzelnen Schüler im Freizeitbereich und in Sportvereinen zurückzuführen.
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